{"id":5,"date":"2010-05-14T08:30:58","date_gmt":"2010-05-14T08:30:58","guid":{"rendered":"http:\/\/hermes.hsu-hh.de\/zup\/?page_id=5"},"modified":"2015-06-19T00:20:59","modified_gmt":"2015-06-18T22:20:59","slug":"uber-die-reihe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hermes.hsu-hh.de\/zup\/?page_id=5","title":{"rendered":"\u00dcber die Reihe"},"content":{"rendered":"<p>Die moderne Gesellschaft existiert heute nur noch im Singular. Es gibt nur noch eine einzige, heterarchisch vernetzte und funktional differenzierte Weltgesellschaft, die sich \u00fcberall in posttraditionalen Verst\u00e4ndigungsverh\u00e4ltnissen einrichten und ihre Probleme durch adaptives Lernen l\u00f6sen muss. Gleichzeitig pluralisiert sich die Gesellschaft nicht nur in eine Vielzahl von Staaten und oft hochorganisierten Weltregionen (wie der EU), sondern auch in eine st\u00e4ndig wachsende Vielzahl von Rechtsordnungen, Religionen, Kulturen, Lebensformen, die schon lange nicht mehr mit den por\u00f6s gewordenen Staatsgrenzen identisch sind.<\/p>\n<p>Immer noch aber ist der demokratische Nationalstaat, der aus den Verfassungsrevolutionen des 18. Jahrhunderts hervorgegangen ist, das einzige politische Regime, das imstande ist, die sozialen, politischen und kulturellen Kollisionen von feindlichen Klassen, zerstrittenen Parteien und fragmentierten ethischen Gemeinschaften nicht nur zu pazifieren, sondern deren destruktive Energien in die wichtigste kommunikative Produktivkraft zu verwandeln, ohne deren riskante Dynamik die moderne Gesellschaft rasch absterben m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Der demokratische Nationalstaat ist aber nicht nur intern zur Umwandlung der Destruktivit\u00e4t posttraditionaler Kommunikation in Produktivit\u00e4t imstande, sondern war von Anfang auf universelle Expansion und die Erweiterung seiner Hemissph\u00e4re angelegt. Die Folgen waren zutiefst ambivalent: Einerseits eurozentrischer Kolonialismus und Imperialismus, der heute immer noch in der zivilisierteren Gestalt der nordatlantischen Hegemonie fortbesteht. Andererseits aber war die inzwischen vollzogene Weltherrschaft der westlichen Demokratien immer auch an die Expan- sion ihrer normativen Ideale gebunden, die sich schon lange und in immer neuen Varianten gegen ihren eigenen Imperialismus richten.<\/p>\n<p>Europa hat das universelle Verstehen \u00fcber die Weltmeere exportiert und wird nun, abweichend von seinem zivilisatorischen Selbstverst\u00e4ndnis, aus der Perspektive des &#8222;anderen Kaps&#8220; (Derrida) verstanden. Die westlichen Demokratien haben die Herrschaft des Rechts globalisiert und werden nun auf die Einhaltung der von ihnen gesetzten Normen verpflichtet, und die normative Alternativlosigkeit demokratischer Politik l\u00e4sst die Defizite politischer Inklusion, egalit\u00e4rer Freiheit und solidarischer Vergemeinschaftung in allen Weltregionen nun umso deutlicher hervortreten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die L\u00e4nder im Zentrum eine relativ weitgehende, rechtliche, politische und soziale Inklusion der Gesamtbev\u00f6lkerung erreicht haben, zerf\u00e4llt die riesige Peripherie in soziale Segmente \u00fcberintegrierter Minorit\u00e4ten und unterintegrierter Majorit\u00e4ten. Erst in Folge der Globalisierung der Massenkommunikation, der Funktionssysteme und Expertenkulturen, des westlichen Verfassungstyps und der westlichen Hegemonie aber wird die Fragmentierung der Weltgesellschaft in Zentrum und Peripherie zu einem Problem, dem kein Funktionssystem, kein politisches Regime und keine sub- oder supranationale Organisation mehr ausweichen kann. Die Differenzierung von Zentrum und Peripherie ist heute das gemeinsame Problem aller Weltregionen, Funktionssysteme und politischen Regimes.<\/p>\n<p>Die fortschreitende Entkopplung der Funktionssysteme vom Staat gef\u00e4hrdet auch die nationalstaatlich segmentierte Demokratie in den L\u00e4ndern des nordatlantischen G\u00fcrtels. Die Globalisierung versch\u00e4rft die internen Probleme expansiver Sozial- und Wohlfahrtspolitik, und seit geraumer Zeit l\u00e4\u00dft sich eine wachsende Spaltung von Zentrum und Peripherie auch innerhalb der OECD-Staaten beobachten, die nicht nur produktive Nischenexistenzen und neue kulturelle Bl\u00fcten in der Provinz aus sich hervor treibt, sondern auch eine bedrohlich wachsende Armutsexklusion und politische Apathie zur Folge hat. Wenn aber gleichzeitig Armutsexklusion und politische Apathie wachsen, kann es leicht zu einer Kummulation von Problemen kommen, anderen Ende statt demokratischer L\u00f6sungen das &#8222;Ende der Demokratie&#8220; (Gu\u00e9henno) st\u00fcnde.<\/p>\n<p>Die Reihe soll diese Probleme in Monographien und Sammelb\u00e4nden zum Gegenstand machen, den Forschungsstand dokumentieren, Nutzen f\u00fcr Lehre und Praxis abwerfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die moderne Gesellschaft existiert heute nur noch im Singular. 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